Müssen Betriebssysteme schlauer werden, um uns vor bösen Menschen zu schützen?

Angenommen, Sie wären ein Betriebssystem (oder ein Teil davon, vielleicht das Dateisystem). Sie wären dafür zuständig, auf Befehle wie fopen (Datei öffnen), fwrite (in eine Datei schreiben) oder fdelete (eine Datei löschen) zu reagieren.

Nun haben Sie gerade die halbe Nacht bloß immer Anweisungen bekommen, immer dieselben Infos (“checking for mail … no new mail.”) in in irgendeine Log-Datei zu schreiben. Sie schlafen schon fast ein vor Langeweile, da kommen mit einem Mal zig Anweisungen in kurzer Folge hintereinander: Jemand lässt sich erst den ganzen Verzeichnisbaum ermitteln, um dann jede Datei darin einmal komplett zu lesen und durch scheinbar zufällige Bytes zu ersetzen.

Wenn Sie ein halbwegs wacher und informierter Mensch wären, würden sie diesem Treiben Einhalt gebieten und sagen: “Mooooment! Das sieht mir nicht aus wie eine übliche, absichtliche Aktion meines Nutzers vor dem Bildschirm (der schläft normalerweise um diese Zeit), sondern eher … wie eine Ransomware-Attacke!”

So geschehen kürzlich bei einem Dienstleister einer schwedischen Supermarkt-Kette, die daraufhin ihre Filialen schließen musste. Was das kostet!

Natürlich sagen Sie sich jetzt: Wer hat denn da wieder eine Sicherheitslücke verbrochen? Aber, wie gesagt, wenn Sie schlau genug sind: Sie verweigern den Dienst. Sicherheitshalber. Sie verlangen die erneute Eingabe des User-Passworts (oder eine Zwei-Faktor-Authentifizierung).

Was ich hier vor mich hin fantasiere, ist kein neues Konzept: Ein Forschungsprojekt namens ShieldFS gibt es schon seit Jahren, scheint aber eingeschlafen zu sein. Dabei wäre es wichtiger denn je, dergleichen auf die Tagesordnung zu setzen, denn die Ransomware-Attacken werden immer schlimmer und ganz sicher nicht aufhören, wenn die Täter erstmal genug Lösegeld kassiert haben, um sich eine eigene Insel zu kaufen. Wenn man kein Gegentor kriegen will, muss die Verteidigung eben besonders tief stehen – eine Fünferkette und ein guter Torwart, direkt im Dateisystem.

Natürlich kann man einwenden: Wer von Ransomware betroffen ist, ist eh selbst schuld, weil er anfällige Systeme mit ungepatchten Sicherheitslücken verwendet. Derjenige wird auch nicht so schlau sein, ein besseres Dateisystem zu verwenden. Ja, mag sein: Aber wäre ein solches Dateisystem Standard, wäre also Sicherheit wichtiger als … sagen wir Bequemlichkeit, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung.

Von Kleinkindern lernen

Wie Medien berichteten, hat am Sonntag ein Kleinkind einen Twitter-Beitrag im Account der US-Atomwaffenbehörde verfasst:

»;l;;gmlxzssaw« – Rätselhafter Code? Verborgene Botschaft? Die Auflösung kam schnell

Bemerkenswert daran ist natürlich nicht, dass man genau erkennt, welche Buchstaben mit der rechten (die bis gml) und welche mit der linken sehr kleinen (das z liegt auf amerikanischen Tastaturen links neben dem x) Hand (der Rest) verfasst wurden.

Bemerkenswert daran finde ich auch nicht, dass der für den Account zuständige Social-Media-Manager es nicht für nötig hielt, während seiner kurzen Abwesenheit (vermutlich musste er aufs Klo) seinen PC zu sperren, auf dem die Twitter-Webseite zum Verfassen eines Tweets gerade geöffnet war.

Denn dass der Mensch der Schwachpunkt jeder IT-Sicherheits-Infrastruktur ist, wissen wir ja schon, nicht wahr? Man muss ja nur “versehentlich” einen präparierten USB-Stick mit der Aufschrift “Pornos” vor einer Firma verlieren, schon erhält man (nach kurzer Wartezeit freilich) bequem Zugriff auf alle Systeme (auf die der glückliche Finder Zugriff hat). Tipp, falls Sie es ausprobieren wollen: Tun Sie wirklich ein paar Pornos auf den Stick, dann schöpft das Opfer nicht so schnell Verdacht.

Bemerkenswert finde ich aber, dass der Tweet zwar nach ein paar Minuten gelöscht wurde – in der Zeit aber, wie man auf dem Bild sieht, fast 5000 mal geliked und halb so oft retweetet wurde. Wohlgemerkt: “Normale” Tweets des gleichen Accounts, meist mit fast sinnlich fotografierten Kampfflugzeigen drauf, bringen es gerade mal auf etwas über 100 Likes und 30 oder 50 Retweets – aber nicht innerhalb weniger Minuten, sondern Tagen.

Das ist ein Symptom, welches auf ein grundlegendes Problem der (a)sozialen Medien hinweist: Quatsch verbreitet sich bisweilen millionenfach schneller und weiter als alles andere. Das ist aber das genaue Gegenteil des Bedarfs: Wichtige (und möglichst akkurate) Informationen sollten sich schneller und besser verbreiten als anderen. Dieses wünschenswerte Verhalten bilden die Mechanismen der sozialen Netzwerke schlicht nicht ab. Deshalb sind sie ein Problem.

tl;dr: Das Beispiel der tausendfach retweeteten IT-Attacke eines Kleinkinds zeigt: Der “soziale” Kaskadier-Mechanismus von Twitter&Co begünstigt die Ausbreitung von Unsinn.

Prohibition für Saugrobby!

Was muss ich da lesen? Besoffene Saugroboter?

Jetzt mal unabhängig von der Frage, ob es schlimm oder lustig ist, wenn Saugrobby wie ein verwirrter Hamster immer im Kreis fährt oder länger als sonst zum Reinigen der Wohnung braucht: Kann ja mal passieren, dass beim Abschlusstest eines Updates irgendwas übersehen wird, nicht wahr?

Ich will auch gar nicht über schlechte Testbarkeit meckern oder spekulieren, wie hoch die technische Schuld der womöglich nicht tip-top sauberen Software der betroffenen Roombas des Herstellers iRobot ist (dear iRobot, if you need help here, drop me a message!). Aber der Anlass ist willkommen für die regelmäßige Erinnung an die inhärente Fehlerfortpflanzung bei Software:

Menschen machen nunmal Fehler, das ist menschlich. Unterläuft beispielsweise einem Frisör ein Fehler, rennt hinterher ein Kunde mit doofen Haaren herum. Unterläuft einem Programmierer ein Fehler, so sind viel, viel mehr, schlimmstenfalls Millionen Nutzer betroffen, nämlich alle, die diese Software verwenden oder den fraglichen Code bei einer Sitzung auf einer Cloud-Instanz durchlaufen, falls es sich um eine Webanwendung handelt.

Während der Frisör deshalb mit einem minimalen Korrektiv auskommt (z.B. dem Kunden den Spiegel hinter den Kopf halten und fragen, ob’s gefällt), muss die Software deutlich höhere Hürden überwinden, um in die freie Wildbahn entlassen zu werden. Da ist zunächst mal die Suite von Unit Tests (Sie haben doch Unit-Tests, oder?), Integrationstests auf einer Testumgebung und die Abnahme auf einer Staging-Umgebung bzw. weitere Ende-zu-Ende-Tests, sei es automatisiert oder manuell. Im Idealfall jedenfalls. Eine Testabdeckung von 100% aller Fälle ist jedoch utopisch. Das gilt umso mehr, wenn Endgeräte im Spiel sind, die über individuelle Daten verfügen (z.B. Aufzeichnungen über die Geometrie zu saugender Räume). Die kann man nicht alle testen. Geht nicht.

Also sind halt bisweilen ein paar Staubsauger-Bots besoffen.

Software wird von Menschen geschrieben, die nicht perfekt sind. Folglich kann auch das Produkt nicht perfekt sein. Deshalb wird Software immer ein Restrisiko mit sich bringen. Es mag bei guten Programmierern (die mein Buch gelesen haben) klein sein, aber nie Null. Wer von Software Wunder erwartet, übersieht den menschlichen Faktor. Wer den menschlichen Faktor übersieht, kalkuliert Kosten für Fehlerbehebung oder Wartung nicht hinreichend in die Wirtschaftlichkeitsanalyse ein – und gelang möglicherweise zu einem Ergebnis größer als Null und ist später überrascht, wenn er draufzahlt.

Disclaimer: Nein, dies ist keine pauschale Entschuldigung für Bugs. Schon gar nicht für solche, die durch guten Code und sauberes Testen vermeidbar gewesen wären. Es ist der ausdrückliche Wunsch nach realistischen Einschätzungen.

Wer die Anfälligkeit von Software mit einrechnet, kommt nämlich auch nicht auf so drollige Ideen wie z.B. autonome Drohnen mit tödlichen Waffen oder diskriminierende Algorithmen für die Sichtung von Bewerbungsunterlagen, Anwendungen also, die ein bisschen weniger witzig sind als besoffene Roboter.

tl;dr: Vermeiden Sie Fehler – aber tun Sie nicht so, als gäbe es keine.

Haben Sie auch Hacker in die Teeküche eingeladen?

Wichtige Mitteilung! Bitte auf keinen Fall kritische Sicherheitslücken in Exchange-Servern entfernen!

Sonst hab ich nix mehr, über das ich mich lustig machen kann.

Liebe Admins. Corona hin oder her: Kritische Sicherheitslücken, für die seit Februar Patches bereitstehen, und die einem Angreifer ermöglichen, Ihr System zu übernehmen, also quasi eine Einladung in die Teeküche Ihrer Firma – wo Sie sicher auch diverse Rechner ohne Passwortschutz herumstehen haben, nicht wahr? So sieht’s aus. Kommt, liebe Hacker, wir haben nix zu verbergen, wir brauchen unsere Daten nicht, verschlüsselt sie ruhig, unsere Vorstände zahlen auch gerne das Lösegeld, das ist immer noch billiger als Leute einzustellen, die sich ordentlich um die IT-Sicherheit kümmern.

Ach, und übrigens soll es auch Mail-Systeme geben, die ganz grundsätzlich weniger anfällig sind als jene von Microsoft. Und nix kosten. Open Source nennt man das, klingelt’s?

Weitere Infos beim BSI